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Umweltrausch: Eine Bestandsaufnahme

Taking stock of the green rush

Anleger konzentrieren sich zu sehr auf bestimmte Nachhaltigkeitsbereiche, ohne weiter gefasste – oder gar kontraproduktive – Folgen zu beachten. 

Nachhaltigkeit ist in der Anlagebranche unverzichtbar geworden. Schätzungen zufolge werden etwa 20 % aller Investments auf die eine oder andere Art als ESG-relevant ausgewiesen (ökologische, soziale und governancebezogene Aspekte). Dieser Anteil nimmt ständig zu, und auch ihr beträchtlicher Marktwert von zurzeit etwa 20 Bio. USD wächst.1

Das hat zu einem „Umweltrausch“ geführt, dem gegenwärtig größten Anlagetrend. Er ist jedoch kein Patentrezept, um zugleich Geld zu verdienen und Gutes zu tun. Obwohl die positiven Aspekte greifbar sind, gibt es auch Herausforderungen: Wie werden Nutzen und Kosten verteilt? Und wie werden sie überhaupt berechnet?  

So besteht nach wie vor eine große Kluft zwischen den Branchen, in die Umweltinvestitionen fließen – vor allem etablierte Technologien wie Wind- und Solarkraft – und anderen Nachhaltigkeitsbereichen, in die noch immer zu wenig investiert wird. Einer jüngsten Umfrage der Economist Intelligence Unit unter großen internationalen Investoren zufolge fließen die meisten Nachhaltigkeitsinvestitionen in die Energieerzeugung, gefolgt vom Industriesektor. Jason Tu, Mitbegründer und CEO des ESG-Analyseunternehmens MioTech, sieht großes Investoreninteresse an „Energieerzeugung, -übertragung und -speicherung sowie Anwendungsfeldern wie Elektrofahrzeugen.“ Auch Technologie in der Tierzucht hält er für ein besonders interessantes Thema für Investoren.

Demgegenüber scheinen Gebäude, Verkehr und Landwirtschaft für Investoren weniger interessant zu sein, obwohl sie hohe Treibhausgasemissionen verursachen.2

Was bringt ESG?

„ESG-Erwägungen setzen am falschen Punkt an“, ist Aswath Damodaran überzeugt, Professor für Finanzwesen an der Stern School of Business der New York University. „Unternehmensverhalten kann kein Ersatz für Gesetze sein, die eine Gesellschaft haben sollte.“

Andere hingegen sind der Meinung, dass die Abgabe der Verantwortung an die Gesellschaft oder das Individuum nur eine – manchmal sehr bewusste – Ablenkung von der wichtigen Rolle großer Unternehmen ist.

Investitionsschwerpunkte von Anlegern bei Klimaschutzmaßnahmen, nach Sektoren (% der Befragten)
Investitionsschwerpunkte von Anlegern bei Klimaschutzmaßnahmen, nach Sektoren (% der Befragten)
Quelle: The Economist Intelligence Unit

Für Mark Campanale, Gründer und Executive Chairman der Carbon Tracker Initiative, „liegt Professor Damodaran völlig falsch, wenn er meint, dass auch nur ein einziger ESG-Akteur freiwillige Maßnahmen als guten Ersatz für gute Gesetze hält – ganz im Gegenteil. ESG-Aspekte machen jedoch deutlich, dass Gesetze die Mindestanforderung sind und wir alle nach höheren Standards streben sollten. Wenn sich Regierungen ihrer Verantwortung entziehen und sich beispielsweise den Lobby-Interessen mächtiger Unternehmen unterwerfen, um bestimmte Standards zu verhindern, können die Aktionäre eingreifen.“ Als Beispiel verweist er auf die jüngste Abberufung leitender Führungskräfte bei Rio Tinto, nachdem das Unternehmen im Bergbaubetrieb historische Stätten australischer Ureinwohner zerstört hatte.

Um solchen Missbrauch aufzudecken, wird Technologie immer wichtiger. So verweist Herr Tu auf den Einsatz von Satellitenaufnahmen, um „zu sehen, ob Grünflächen von Plantagen schrumpfen oder sich in einem Radius von 30 km rund um eine Fabrik Schadstoffe befinden.“

Dadurch können Investoren sicherstellen, dass ihre nachhaltigen Projekte tatsächlich Gutes bewirken. Darüber hinaus rät auch Professor Damodaran Anlegern, ökologische Investments nach Bereichen auszuwählen, die ihnen wichtig sind: „Die Anleger sollten für sich eigene Wertedimensionen festlegen. Wir alle legen auf etwas besonders viel Wert, und daran sollten wir auch unsere Investments ausrichten. Deshalb sind ESG-Scores völlig nutzlos.“

Wie schneidet ein Unternehmen in puncto Geschlechtervielfalt, Wasserverbrauch, Emissionen usw. ab? All diese Faktoren durch einen einzigen ESG-Score auszudrücken, ist äußerst schwierig.3 Einige Investoren wollen einen möglichst niedrigen Investitionsgrad in fossilen Brennstoffen, andere wiederum zielen bewusst auf CO2-intensivere Unternehmen ab, um den Übergang von einer emissionsintensiven zu einer umweltfreundlichen Wirtschaft zu finanzieren. ESG-Scores bieten dafür keine Lösung. Sie sind nur der Ausgangspunkt. 

Herr Campanale wählt einen anderen Ansatz: „ESG-Scores sind keine Investmentthese und auch keine Investmentstrategie. Sinnvoller ist es, Bereiche aufzuspüren, die einen wertvollen Beitrag zur Gesellschaft leisten, und beispielsweise in den Übergang zu sauberen Energien oder Medizintechnik zu investieren. Im Mittelpunkt des verantwortlichen Investierens stehen ESG-orientierte Strategien in der Investmentanalyse – mit dem Ziel, diverse Unternehmen mit großer sozialer Wirkung ausfindig zu machen.“

Intensivierung der Anstrengungen

Solche Strategien lassen sich nicht als einzelne Zahl ausdrücken: Ein ESG-Score – eine Zahl, die mehrere Faktoren widerspiegelt – hat wohl nur begrenzte Aussagekraft. Fonds oder Aktien können einen hohen ESG-Score aufweisen, da sie in einer Branche mit niedrigem CO2-Fußabdruck tätig sind, wie etwa im Finanzwesen; oder weil sie einfach umfassend über Kennzahlen berichten, zu denen ESG-Ratingagenturen Scores berechnen. Beispielsweise erzielen einige große Ölunternehmen hohe Transparenz-Scores und kompensieren dadurch niedrige E-Scores mit hohen G-Scores.

Eine positive Wirkung in einem Bereich, die zu einem guten ESG-Score führt, kann in anderen Bereichen negativ sein. Einige ESG-Kennzahlen erfassen dies vielleicht nicht. Dadurch könnten Vermögenseigentümer wichtige Folgen einiger ihrer Investments entgehen, etwa die Konsequenzen kohlenstoffarmer Technologien für die Gewinnung von Metallen. Diese Technologien verbrauchen erheblich größere Mengen an Metallen als ihre Pendants auf Basis fossiler Brennstoffe. Die Folge ist ein exponentieller Nachfrageanstieg. Wie der Ökonom Frances Coppola feststellt4, enthält ein Elektroauto üblicherweise 80 kg Kupfer – viermal so viel wie ein benzinbetriebenes. Auch Wind- und Solarkraftanlagen enthalten mehr Kupfer als fossil befeuerte Kraftwerke: Eine durchschnittliche Solaranlage enthält etwa 5 kg Kupfer je Kilowatt ggü. 2 kg je Kilowatt bei einem Kohlekraftwerk.

Laut dem Global Material Resources Outlook to 2060 der OECD verursacht die Rohstoffgewinnung, darunter auch der Kupferbergbau, über die Hälfte aller Treibhausgasemissionen. Schätzungen der Studie zufolge wird die Rohstoffförderung bis 2060 von 79 auf 167 Gigatonnen (Gt) zunehmen. Dies basiert auf einer angenommenen Wachstumsrate von 2,8 %. Die Folge dürfte eine Zunahme der Emissionen um etwa 50 Gt CO2-Äquivalente sein.5

Darüber hinaus erfolgt ein beträchtlicher Teil dieser Bergbauaktivitäten in Schwellenländern und wird mit Umweltschäden, Übernutzung von Wasserreserven und Mitarbeiterausbeutung in Verbindung gebracht. Deshalb wird der „Umweltrausch“ zu Gewinnern und Verlierern in der Gesellschaft und in Gemeinden führen. Wenn man nichts unternimmt, besteht die reale Gefahr, dass einmal mehr diejenigen benachteiligt werden, die bereits in der Vergangenheit oft leiden mussten: die Menschen am unteren Ende der Einkommensskala in Schwellenländern. 

Für Professor Damodaran ist dies „oberflächliches ESG-Bewusstsein. Es sieht so aus, als ob der enorme CO2-Fußabdruck von den Menschen verursacht wird, die Autos mit Benzinantrieb herstellen. Wenn Sie Elektroautos bauen, tun Sie hingegen Gutes. Elektroautos verursachen jedoch andere Kosten. Wenn Sie diese eingehend analysieren, stellt sich eher die Frage, ob wir nicht ein Übel durch ein anderes ersetzen.“

Die Wende zu umweltfreundlicher Energie ist von schwach reguliertem Bergbau in diesen Regionen abhängig. Riskiert man damit nicht, das S von ESG zu minimieren? Und schafft man dadurch nicht vorsätzlich blinde Flecken bei anderen Formen der Umweltzerstörung? Die gemeinnützige Organisation War on Want drückt die Folgen pointiert aus und beobachtet „eine neue Form des Umwelt-Kolonialismus, der weiterhin die Menschen des globalen Südens opfert, um unser kaputtes Wirtschaftsmodell aufrechtzuerhalten.“6

Dass sich die Industrieländer der vorhandenen Ressourcen bemächtigt und den globalen Süden danach zurückgelassen haben, bestätigt auch die federführend von Paul Jackson verfasste Studie The 21st Century Portfolio von Invesco: „Die Industrieländer sind reich geworden, indem sie die CO2-Absorptionskapazität der Atmosphäre aufgebraucht und dem Rest der Welt kaum Möglichkeiten zur Entwicklung gelassen haben”.7

Für Professor Damodaran kann man die Lösung dieses Problems nicht den Unternehmen überlassen. Er sagt: „Ein erheblicher Teil der ESG-Literatur beginnt damit, die These von Milton Friedman (dem Begründer des Monetarismus) beinahe leichtfertig zu verwerfen, dass sich Unternehmen darauf konzentrieren sollten, Gewinne und Mehrwert für ihre Aktionäre zu erwirtschaften, statt sozialpolitische Entscheidungen zu treffen.“

Wesentliche Risiken

  • Der Wert einer Anlage und die Erträge hieraus können sowohl steigen als auch fallen und es ist möglich, dass Anleger den ursprünglich angelegten Betrag nicht zurückerhalten.

Wichtige Informationen

  • Die in diesem Material dargestellten Prognosen und Meinungen sind subjektive Einschätzungen und Annahmen des Fondsmanagements oder deren Vertreter. Diese können sich jederzeit und ohne vorherige Ankündigung ändern. Es kann keine Zusicherung gegeben werden, dass die Prognosen wie vorhergesagt eintreten werden.