Value versus Growth: Ist die Zeit reif für Value?
Wer könnte bestreiten, dass Value-Investing sinnvoll ist? Günstig kaufen, teuer verkaufen: Darum geht es beim Investieren eigentlich.
Dennoch hält die Debatte über Value- versus Growth-Aktien an. Es gibt viele Wege, um Vermögenswerte mit Potenzial zur Wertsteigerung zu identifizieren – und das bedeutet nicht zwangsläufig, immer die günstigsten Titel zu kaufen.
Die Vergangenheit hat gezeigt, dass unterschiedliche Stile je nach Marktbedingungen besser abschneiden können. Wenn die Anleiherenditen fallen, entwickeln sich traditionell Growth-Aktien gut. Value-Aktien hingegen glänzen meist in den frühen Phasen von Wirtschafts- und Marktzyklen, also dann, wenn die Anleiherenditen steigen.
Wo stehen wir also heute? Ich bin der Meinung, dass der jahrzehntelange Abwärtstrend der Renditen (und damit die Outperformance von Growth-Aktien) beendet ist, was Value-Titel begünstigen könnte. Doch werfen wir zunächst einen Blick auf die Vergangenheit.
Rückblick: Value versus Growth
Bei meinem Berufseinstieg Mitte der 1980er-Jahre war es naheliegend, Anlagen mit niedrigen Bewertungskennzahlen den Vorzug zu geben. Backtests deuteten darauf hin, dass Value-Investing höhere Renditen erzielte als andere Methoden, wie etwa Growth.
In der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre geriet Value jedoch ins Hintertreffen, als die Internetblase Technologie- und andere Growth-Werte auf unhaltbare Niveaus trieb. Die Blase platze schließlich, doch viele Value-Investoren verloren ihre Jobs, bevor sich ihre Einschätzung als richtig erwies.
Leider blieb die Performance von Value hinter der von Growth auch in der Ära nach der globalen Finanzkrise zurück. Beobachtungen legen nahe, dass fallende Anleiherenditen ein wesentlicher Faktor dabei waren. Theoretisch gilt: Je niedriger die Rendite, desto niedriger ist der Diskontierungsfaktor für künftige Erträge und Dividenden. Im Gegenzug steigt die Prämie für Growth. (Growth-Aktien sind Long-Duration-Instrumente, da ein überdurchschnittlicher Anteil ihres Wertes in der fernen Zukunft liegt.) Da die Renditen von den frühen 1980er-Jahren bis 2020 sanken, war es kein Wunder, dass Growth-Investing auf Kosten von Value an Popularität gewann.
Was passiert jetzt?
Wer erst seit Beginn dieses Jahrhunderts in der Finanzbranche arbeitet, mag geglaubt haben, dass Anleiherenditen immer fallen und Growth-Aktien immer besser abschneiden würden. Doch wir haben nun gesehen, dass Anleiherenditen steigen können (und zwar kräftig). Das Jahr 2022 hat gezeigt, dass der Value-Faktor in der Lage ist, Growth- und andere Faktoren zu übertreffen. Ich bin der Ansicht, dass sich die Anleiherenditen nun weitgehend normalisiert haben, und erwarte eine Rückkehr zu normalen zyklischen Schwankungen.
Daher rechne ich mit einem ausgewogeneren Verhältnis zwischen Growth und Value als in den letzten Jahrzehnten. In bestimmten Phasen des Zyklus wird Growth dominieren, in anderen Value. Unsere Analysen zeigen, dass Value in der Regel zu Beginn eines Marktzyklus andere Faktoren übertrifft.
Interessanterweise haben unsere Value-Faktor-Indizes im Jahr 2025 trotz des Fokus auf KI sowohl in den USA als auch in Europa besser abgeschnitten als Growth. Tatsächlich war Value unter unseren Faktor-Indizes für die USA der beste Performer (Stand: 5. Dezember 2025). In Europa wurde Value nur vom Preis-Momentum übertroffen. Dies deckt sich mit unserer Beobachtung, dass Rohstoffe und Banken 2025 weltweit die besten Sektoren waren.
Noch wichtiger: Wir erwarten für 2026 eine Beschleunigung der Volkswirtschaften, gestützt durch steigende Realeinkommen, vergangene und künftige Lockerungen der Zentralbanken sowie fiskalische Expansion in einigen Ländern. Da der Value-Faktor in der frühen Phase eines Aufschwungs am besten abschneidet, passt das von uns für 2026 erwartete Szenario eines Aufschwungs zur Mitte des Zyklus ideal dazu.
Trotz der Annahme, dass einige Zentralbanken ihre Geldpolitik weiter lockern werden, vermuten wir, dass die Renditen langlaufender Anleihen steigen könnten, insbesondere in den USA. Dies könnte Growth-Aktien belasten.
Rückkehr zur Normalität
Die Normalisierung der Zinssätze und Renditen in den Jahren 2021 und 2022 sowie das Ende des jahrzehntelangen Abwärtstrends könnten meiner Meinung nach die Chancen zwischen Growth und Value über die kommenden Zyklen hinweg angleichen. Anleger müssen sich wohl darauf einstellen, dass Growth nicht mehr trendmäßig, sondern nur noch sporadisch besser abschneidet als Value. Dies könnte über mehrere Jahre hinweg zu einer schmerzhaften Enttäuschung für Growth-Aktien führen, da die höheren Hurdle Rates ihre Wirkung entfalten. Indes dürfte Value skeptische Investoren positiv überraschen. Ich erwarte keinen geradlinigen Prozess. Value wird vermutlich in den frühen Phasen von Wirtschafts- und Marktzyklen am stärksten sein und insbesondere dann eine Outperformance gegenüber Growth-Aktien erzielen, wenn die Anleiherenditen steigen. Dies ist häufig in Erholungsphasen der Fall.
Abschließend bin ich fest davon überzeugt, dass der Hauptfaktor für die Rendite eines Portfolios der gezahlte Preis ist. (Buy Low / Sell High!) Daher bin ich vom Naturell her ein Value-Investor und davon überzeugt, dass der jahrzehntelange Abwärtstrend bei den Anleiherenditen endgültig vorbei ist. Dies deutet darauf hin, dass der dauerhafte Rückenwind für Growth-Aktien der Vergangenheit angehört. Während sich Growth-Aktien an diese neue Realität anpassen, erwarte ich, dass das Value-Investing weiterhin eine Renaissance erleben wird.