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US‑israelische Angriffe auf den Iran: Was Anleger wissen sollten.

Amerikanische Soldaten und die Flagge der USA. US-Armee. Veteranentag.

Kurz zusammengefasst

Energieversorgung

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Wir gehen davon aus, dass die Marktreaktionen massgeblich davon abhängen werden, ob der Ölfluss durch die Strasse von Hormus beeinträchtigt wird.

Vier Szenarien

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Wir skizzieren vier Szenarien zu möglichen Auswirkungen, von stabiler Versorgung mit zusätzlicher OPEC‑Produktion bis hin zu erheblichen Störungen.

Wichtige Indikatoren

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Wir werden die Entwicklung der Rohöl‑Futures, den US‑Dollar, Entscheidungen der OPEC+ sowie die Schiffsbewegungen durch die Strasse von Hormus genau beobachten.

Iran hat mit Raketen- und Drohnenangriffen auf US-Militärstützpunkte in der gesamten Region reagiert. Was könnte diese sich entwickelnde Situation für die Märkte bedeuten? Ein zentraler Grundsatz unserer Einschätzung ist, dass die Märkte geopolitische Ereignisse in der Regel ausblenden, sofern sie die wirtschaftlichen Fundamentaldaten nicht wesentlich verändern. Um besser einordnen zu können, was als Nächstes passieren könnte, skizzieren wir vier mögliche Szenarien für die kommenden Wochen und analysieren die potenziellen Reaktionen verschiedener Anlageklassen.

Was wir bislang über den Konflikt wissen

Stand Sonntag, 1. März, verstehen wir die aktuelle Lage wie folgt:

Am frühen Samstagmorgen haben die Vereinigten Staaten und Israel einen koordinierten Militärangriff auf den Iran gestartet. Das Ausmass dieser Angriffe war grösser als bei früheren Operationen, und das iranische Staatsfernsehen hat bestätigt, dass der Oberste Führer Ayatollah Ali Khamenei getötet wurde. Der Iran hat mit Raketen- und Drohnenangriffen auf US-Militärstützpunkte in der gesamten Region reagiert. Auch zivile Gebiete in Dubai und Doha wurden getroffen, wobei unklar ist, ob sie gezielt angegriffen wurden.

Bislang liegen keine Berichte vor, dass Öl-Infrastruktur in der Region beschädigt oder beeinträchtigt wurde. Iranische Medien behaupten, die Strasse von Hormus sei de facto geschlossen, auch wenn es keine offizielle Blockadeerklärung gibt. Einige Schiffe wurden angegriffen, und nach den neuesten Informationen haben viele begonnen, vor Anker zu gehen, anstatt die Strasse von Hormus zu passieren.

Was könnte als Nächstes passieren?

US-Präsident Donald Trump und Israels Premierminister Benjamin Netanjahu haben erklärt, dass sie einen Regimewechsel anstreben. Damit ist unklar, unter welchen Bedingungen sie schnell einen Sieg verkünden und deeskalieren könnten. Die Lage bleibt äusserst dynamisch. Das Fehlen klar definierter Ziele erhöht die Wahrscheinlichkeit einer längeren militärischen Auseinandersetzung.

Wir gehen davon aus, dass die erste Marktreaktion defensiv ausfallen dürfte, dies jedoch nicht unbedingt anhalten muss. Die mittelfristige Entwicklung wird wahrscheinlich davon abhängen, wie sich die Öl- und – in etwas geringerem Masse – die Gasmärkte bewegen. Entscheidend wird sein, ob und in welchem Ausmass Öl- und Gaslieferungen unterbrochen werden.

Nach weniger als 48 Stunden seit den ersten Angriffen gehen wir aktuell davon aus, dass die Ölversorgung weitgehend unbeeinträchtigt ist. Das kann sich jedoch schnell ändern. Tatsächlich braucht es nicht einmal physische Unterbrechungen, solange der Markt solche Einschränkungen für möglich hält.

Vier potenzielle Szenarien für Ölpreise und Märkte.

Auch wenn die Lage weiterhin äusserst volatil ist und sich schnell ändern kann, betrachten wir vier mögliche Szenarien. Im Folgenden führen wir sie in der Reihenfolge von der geringsten bis zur höchsten potenziellen Auswirkung auf Ölpreise und Märkte auf.

Szenario 1: Die militärischen Fähigkeiten des Iran werden geschwächt, die Ölanlagen jedoch nicht. Die Schifffahrt durch die Strasse von Hormus läuft weiter.

Unter diesem Szenario besteht eine gute Chance, dass die Ölpreise in der kommenden Woche oder in den nächsten Wochen fallen könnten. Die Preise waren im Vorfeld der US‑/Israel‑Operationen etwas gestiegen, und am 1. März hat OPEC+ eine grösser als erwartet ausfallende Produktionsausweitung angekündigt, die mögliche Angebotsunterbrechungen teilweise ausgleichen könnte. Voraussetzung ist natürlich, dass die zusätzlichen Mengen tatsächlich exportiert werden können.

Wir schätzen die subjektive Wahrscheinlichkeit dieses Szenarios auf 40 %.

Szenario 2: Iranische Ölanlagen werden beeinträchtigt.

In diesem Szenario gehen wir davon aus, dass die Ölpreise steigen würden, jedoch in einem relativ begrenzten Ausmass. Der Iran liefert rund 3 % der globalen Ölversorgung (nach Abzug des Eigenverbrauchs), wobei ein grosser Teil dieser Exporte nach China fliesst. OPEC+ könnte möglicherweise eingreifen und entstandene Lücken ausgleichen. Wir räumen diesem Szenario insgesamt eine geringe Wahrscheinlichkeit ein, da es wenig Anreiz für Israel oder die USA gibt, gezielt iranische Ölanlagen oder Pipelines anzugreifen und damit die Ölpreise in die Höhe zu treiben. Ein deutlicher Anstieg der Öl- und damit der Benzinpreise könnte die Zustimmungswerte von Präsident Trump belasten und seine Chancen bei den Zwischenwahlen beeinträchtigen.

Wir schätzen die subjektive Wahrscheinlichkeit dieses Szenarios auf 10 %.

Szenario 3: Der Iran greift Öl- und Gasanlagen in der Region an.

Der Iran hat bereits einige symbolische Angriffe durchgeführt, jedoch bislang nicht auf Öl- oder Gasanlagen. Diese könnten jedoch ausgeweitet werden, und entsprechende Einrichtungen in Saudi-Arabien oder anderen Staaten könnten ins Visier geraten. Die Saudis haben allerdings in der Vergangenheit gezeigt, dass sie beschädigte Anlagen vergleichsweise schnell wieder instand setzen können. Das Ausmass möglicher Angriffe und die Geschwindigkeit einer Wiederaufnahme der Produktion sind derzeit die grossen Unbekannten. Bislang scheint der Iran vor allem US-Stützpunkte anzuvisieren, jedoch noch keine Öl-Infrastruktur oder Transportwege.

Wir schätzen die subjektive Wahrscheinlichkeit dieses Szenarios auf 20 %.

Szenario 4: Der Iran oder mit ihm verbündete Gruppen schränken die Schifffahrt durch die Strasse von Hormus über einen längeren Zeitraum erheblich ein. Die globalen Öllieferungen gehen zurück.

Dieses vierte Szenario ist das potenziell gravierendste. Der Iran und seine Stellvertreter müssen die Strasse von Hormus nicht physisch blockieren; es genügt, das Transportrisiko so weit zu erhöhen, dass die Durchfahrt für Schiffe erheblich teurer wird – insbesondere durch steigende Versicherungskosten. Bereits jetzt berichten Kriegsversicherer, dass die Prämien für Schiffe in der Region in den kommenden Tagen um bis zu 50 % steigen könnten.  

Eine faktische Teilblockade über den Versicherungsmarkt statt über militärische Mittel hatte bereits Ende 2023/Anfang 2024 zur Folge, dass das Rote Meer für einen Grossteil des kommerziellen Schiffsverkehrs praktisch unpassierbar wurde. Der entscheidende Unterschied: Für das Rote Meer gab es Ausweichrouten (z. B. um das Kap der Guten Hoffnung). Für die Strasse von Hormus existiert keine echte Alternative. Deshalb wird die Beobachtung der Schiffsbewegungen in dieser Region in den kommenden Tagen für die Ölmärkte von zentraler Bedeutung sein. Es existiert allerdings eine Pipeline in den Vereinigten Arabischen Emiraten, über die Öl zu Häfen transportiert werden kann, die die Strasse von Hormus umgehen.

Wir halten dieses Szenario dennoch für das potenziell schädlichste, da die weltweite Versorgung mit Öl und Flüssigerdgas (LNG) deutlich eingeschränkt würde. Besonders verletzlich wären asiatische Länder – allen voran Japan und Singapur.

Wir schätzen die subjektive Wahrscheinlichkeit dieses Szenarios auf 30 %.

Erwartete Marktreaktion

Wir gehen davon aus, dass die erste Marktreaktion sehr wahrscheinlich defensiv ausfallen wird.

Aktien

Wir erwarten, dass Aktienmärkte direkt nach diesen Ereignissen zunächst unter Druck geraten. Der weitere Ausblick hängt jedoch davon ab, wie sich die Lage entwickelt. Der Grossteil der Auswirkungen dürfte über höhere Ölpreise spürbar werden. Mit anderen Worten: Energieproduzenten dürften tendenziell profitieren, während energieintensive Sektoren stärker belastet werden. Innerhalb des Aktienmarktes rechnen wir damit, dass insbesondere zyklische und konsumorientierte Sektoren am stärksten betroffen sein werden. Nutzniesser eines solchen geopolitischen Schocks wären voraussichtlich Rüstungsunternehmen, grosse Energieproduzenten sowie Goldminenbetreiber.

Auf regionaler Ebene gilt: Europäische Aktien sind strukturell stärker gegenüber Energieschocks exponiert als die US‑Märkte, unter anderem aufgrund der höheren Energieintensität der Industrie und der grösseren Abhängigkeit von importierten fossilen Brennstoffen. Dies trifft auch auf Japan zu. Viele Schwellenländer, die auf Energieimporte angewiesen sind, stehen ebenfalls vor Risiken. Energieexportierende Länder hingegen dürften tendenziell robuster abschneiden. Zudem ist zu beachten, dass zahlreiche asiatische Volkswirtschaften stark von Importen aus dem Nahen Osten abhängig sind, was zusätzlichen Druck auf lokale Vermögenswerte ausüben könnte.

Anleihen

Wir gehen davon aus, dass die Anleiherenditen kurzfristig aufgrund von Inflationssorgen steigen könnten, auch wenn fallende Realrenditen – ausgelöst durch zunehmende Wachstumssorgen – diesen Effekt teilweise abmildern dürften. Es ist möglich, dass einige Märkte für Staatsanleihen von der Nachfrage nach sogenannten „sicheren Häfen“ profitieren könnten, aber wir glauben, dass Inflationssorgen überwiegen könnten. Vor diesem Hintergrund, und angesichts der grösseren Energieunabhängigkeit der USA, erwarten wir, dass US‑Treasuries weniger betroffen sein dürften als europäische oder japanische Staatsanleihen. Für Hochzinsanleihen rechnen wir angesichts zunehmender konjunktureller Unsicherheiten mit einer Ausweitung der Spreads.

US-Dollar

Normalerweise würden wir erwarten, dass der Dollar in einem frühen risikoaversen Szenario zulegt, und das könnte derzeit das wahrscheinlichste Ergebnis sein. Allerdings wurde der Status des USD als „sicherer Hafen“ zuletzt zunehmend infrage gestellt. Wir gehen davon aus, dass die Währungen energieexportierender Länder tendenziell aufwerten werden. Darunter der kanadische Dollar, der mexikanische Peso, die norwegische Krone sowie Währungen aus dem Nahen Osten (wobei der Effekt dort durch die geografische Nähe zum Konflikt gedämpft sein könnte).

Energie

Wir erwarten zunächst steigende Preise, die das erhöhte Risikoniveau widerspiegeln. Wie oben erläutert, gibt es jedoch eine Reihe möglicher Entwicklungen für die Öl- und Gaspreise. Aus unserer Sicht ist das wahrscheinlichste Szenario, dass die militärischen Fähigkeiten Irans geschwächt werden, seine Ölanlagen jedoch unversehrt bleiben und die Strasse von Hormus offen bleibt. Dies würde unserer Einschätzung nach für einen vergleichsweise moderaten Anstieg der Energiepreise im mittleren Zeithorizont sprechen.

Edelmetalle

Wir gehen davon aus, dass die Preise für Gold und Silber steigen werden, da die Märkte eine neue Welle geopolitischer Unsicherheit verarbeiten. Selbst wenn die Strasse von Hormus offen bleibt, rechnen wir damit, dass Edelmetalle von der erhöhten Unsicherheit profitieren.

Was beobachten wir aktuell?

Wie oben beschrieben, verfolgen wir die Lage genau – insbesondere die Entwicklungen rund um die Strasse von Hormus. Bewegungen von Tankschiffen, Stellungnahmen der US‑Marine sowie Entwicklungen am Versicherungsmarkt dürften in den kommenden Tagen zentrale Beobachtungspunkte sein. Ebenso könnten Mitteilungen von Saudi Aramco und der Abu Dhabi National Oil Company zum Zustand der Infrastruktur die Marktstimmung entweder beruhigen oder weiter belasten – abhängig davon, wie sich die Raketenangriffe entwickeln.

Was bedeutet das für unsere Markteinschätzung?

Es gibt historische Parallelen, die Hinweise darauf geben, wie sich die Situation entwickeln könnte. Doch diese Vergleiche sind nur bedingt aussagekräftig, da der aktuelle Konflikt direkter und stärker eskalierend verläuft. Dennoch verweisen sie auf eine wesentliche Dynamik an den Märkten: Ohne physische Schäden an der Infrastruktur oder eine länger anhaltende Störung der Strasse von Hormus neigen Preisspitzen bei Rohöl (und Erdgas) dazu, wieder abzuflachen, sobald sich herausstellt, dass die Angebotsrisiken nur vorübergehend sind. Der entscheidende Unterschied zur aktuellen Situation besteht jedoch darin, dass der Iran bereits deutlich breiter und entschlossener reagiert hat als in allen früheren Episoden.

Gleichzeitig betonen wir, dass die meisten beteiligten Akteure kein Interesse an einem gravierenden Ölangebotsschock haben, der die US‑Wirtschaft und die globale Konjunktur belasten würde. Dies sind beunruhigende und sehr unbeständige Ereignisse, aber auf Grundlage der uns heute vorliegenden Informationen haben wir unsere grundlegende Einschätzung an diesem Wochenende nicht wesentlich geändert.

  • Wesentliche Risiken

    Der Wert von Anlagen und die Erträge hieraus unterliegen Schwankungen. Dies kann teilweise auf Wechselkursänderungen zurückzuführen sein. Es ist möglich, dass Anleger bei der Rückgabe ihrer Anteile nicht den vollen investierten Betrag zurückerhalten.

    Wichtige Informationen

    Dies ist Marketingmaterial und kein Anlagerat. Es ist nicht als Empfehlung zum Kauf oder Verkauf einer bestimmten Anlageklasse, eines Wertpapiers oder einer Strategie gedacht. Regulatorische Anforderungen, die die Unparteilichkeit von Anlage- oder Anlagestrategieempfehlungen verlangen, sind daher nicht anwendbar, ebenso wenig wie das Handelsverbot vor deren Veröffentlichung. Die Ansichten und Meinungen beruhen auf den aktuellen Marktbedingungen und können sich jederzeit ändern.

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